Trivialliteratur und 'Schundhefte'

Man sollte den Begriff 'Trivialliteratur' nur sehr vorsichtig gebrauchen. Denn er beschreibt keine nach Zeit, Form oder Inhalt eindeutig zuordenbare Literaturgattung, so wie wir sie in Literaturgeschichten als Gliederungsprinzip finden, sondern beinhaltet ausschließlich ein Werturteil- und zwar ein negatives.
Von Trivialliteratur war erstmals Mitte des 19 Jhdts. die Rede, also zu einer Zeit, zu der auch Kinderliteratur ein Begriff wurde. Das hängt unmittelbar damit zusammen, dass in der ersten Hälfte des 19. Jhdts. Schnelldruckverfahren unter Einsatz der Dampfkraft erfunden wurden, wodurch sich die Produktion von Druckerzeugnissen vervielfachte. Die bereits bestehende Diskussion über das 'Nützliche' in der Literatur ganz allgemein und der Kinderliteratur im Besonderen gewann dadurch eine neue Dimension. In der Bedeutung der Zeit verstand man unter Trivialliteratur wertlose, nutzlose Literatur. Ebenso wie Kinder- und Jugendliteratur einem Zweck, nämlich dem der Ausbildung und Erziehung zu dienen hatte, erwartete man von Literatur für Erwachsene, dass sie zur Information diente oder durch ihren künstlerischen Wert gerechtfertigt wurde.
Lesen nur zum Zeitvertreib galt für die breite Masse der Bevölkerung, die hart für ihren Lebensunterhalt arbeiten mußte und der sowohl die Voraussetzungen als meist auch das Interesse für die Befassung mit schöngeistiger Literatur fehlte, nichts anderes als nutzloser Müßiggang. Noch nach dem zweiten Weltkrieg bezeichnete man mancherorts in bäuerlichen Kreisen mit den Worten, jemand sei einer, der Romane (verächtlich auszusprechen) lese, einen faulen Menschen und Tagedieb.
Die Trennung zwischen 'nützlicher' Literatur und nutzloser Unterhaltungsliteratur wird bereits Ende des 18. Jahrhunderts offiziell vorgenommen und die Schädlichkeit der 'Romanliteratur' an sich betont.

* Auszug aus der
ZENSURVORSCHRIFT VOM 14. SEPTEMBER 1810
(Vorschrift für die Leitung des Censurwesens und für das Benehmen der Censoren, in Folge a. h. Entschließung vom 14. September 1810 erlaßen.)

1. Bey der Beurtheilung der Bücher und Handschriften muß vor Allem genau unterschieden werden zwischen Werken, welche ihr Inhalt und die Behandlung des Gegenstandes nur für Gelehrte und den Wissenschaften sich widmende Menschen bestimmt, und zwischen Broschüren, Volksschriften, Unterhaltungsbüchern, und den Erzeugnißen des Witzes...
6. Broschüren, Jugend- und Volksschriften, Unterhaltungsbücher, müßen nach der ganzen Strenge der bestehenden Censurgesetze behandelt werden...
Es soll daher allen Ernstes getrachtet werden, der so nachtheiligen Romanen-Lektüre ein Ende zu machen.

Die 'so nachtheiligen Romane' waren im offiziellen Sprachgebrauch: Ritterromane, Räuberromane, Geister- und Gespenstergeschichten, Betrügergeschichten und Erzählungen, die sich primär um 'Liebeleyen' drehten. In dieser Einteilung spiegeln sich sämtliche Sparten der trivialen Unterhaltungsliteratur wieder, so wie wir sie auch heute noch kennen. Das Problem hatte dadurch an Dringlichkeit gewonnen, weil in der zweite Hälfte des 18. Jhdts die allgemeine Schulpflicht eingeführt worden war und weite Kreise der Bevölkerung soweit des Lesens kundig waren, dass sie sich dem Studium der allgegenwärtigen Unterhaltungsromane hingeben konnten.

Trivialliteratur in Form des anspruchslosen Unterhaltungsromanes wurde daher bereits ab dem Ende des 18. Jahrhunderts zum bevorzugten Ziel staatlicher Zensurmaßnahmen. Nicht etwa weil er das bestehende Herrschaftssystem in Frage stellte, sondern weil er "die Einbildungskraft mit Hirngespinnsten füllt, weder auf den Verstand noch auf das Herz vortheilhaft wirkt, vielmehr Ausgeburten einer scheußlichen Phantasie und gefährliche Hirngespinnste verschrobener Köpfe enthält" In dieser Argumentation kommt deutlich der volkserzieherische Anspruch des augeklärten Absolutismus zum Ausdruck. Daneben wurde das müßige Lesen nutzloser Phantasieprodukte als eine Art geistiger Droge angesehen, welche die Leute von der Arbeit, dem Studium nützlicher Kenntnisse und von der wünschenswerten Hinwendung zu patriotischen und religiösen Gedanken ('Vaterland und Gott') abhielt.
Die Problemstellung als solche ist aber weit älter und trat bald nach Erfindung der Buchdruckkunst im 15. Jhdt., die auch die Verbreitung 'trivialer' Erzählungen begüngstigte, auf. Ein illustratives Zeugnis für die befürchtete Schädlichkeit der Romanlektüre bietet der bereits 1605 erschienene Roman 'Don Quijote' von Miguel de Cervantes.

"Zur Zeit wo unsere Geschichte beginnt, hatte der Edelmann, dessen wirklicher Name Don Quichotte war, beinahe sein fünfzigstes Jahr erreicht..........Mehr als alles aber liebte er es, sich dem Lesen der Rittergeschichten hinzugeben, und vergaß darüber nicht nur häufig Essen, Trinken und Schlafen, sondern versäumte auch die Verwaltung seines Vermögens und verkaufte manches schöne Stück Land, um nur Geld genug zur Anschaffung solcher abenteuerlichen und seltsamen Bücher in die Hände zu bekommen. So brachte er denn mit der Zeit eine große Anzahl davon zusammen und vertiefte sich sosehr in ihr Studium, daß er tagtäglich von früh bis in die Nacht darin las und sein Gehirn so lange mit allerlei wundersamen Geschichten anfüllte, bis er endlich durch das viele Lesen wirklich den Verstand verlor und so verrückt wurde, wie ein Märzhase......."
Der Vertreter der Kirche versuchte das Problem auf bewährte Weise zu lösen:
"Der Pfarrer, der Barbier, die Haushälterin und die Nichte begaben sich in die Bibliothek, schafften die ganze Last Bände hinaus auf den Hof, schichteten sie wie einen Scheiterhaufen übereinander und zündeten ein flackerndes Feuer darunter an"
Auf dem Totenbett bekannte der traurige Held der Geschichte schließlich:
"Jetzt, wo ich im Sterben liege, sehe ich ein, daß mein Leben ein großer Irrtum war, veranlaßt durch das Lesen der verwünschten Ritterbücher "
(zitiert nach 'Don Quichotte von La Mancha', bearbeitet von Franz Hoffmann, Stuttgart K. Thienemanns Verlag ca. 1890)

"Haltet euch fern von jener Lektüre, die nur den Verstand verwirrt. Sucht nicht in den Lügen der Vergangenheit Trost, sondern erforscht die Wahrheit auf den Pfaden der Zukunft!"
Ausschnitt aus dem in den 50er Jahren in Ostdeutschland erschienen Bildstreifenheft 'Don Quichote' aus der Reihe 'Weltberühmte Geschichten in Bildern'.
Die Aussage hat durchaus programmatischen Charakter.

Es ist im Kern dieselbe Thematik, die auch heute noch, vor allem unter jugenderzieherischen Aspekten diskutiert wird und in der frühen Nachkriegszeit zum 'Kampf gegen Schmutz und Schund' führte. Versuche Trivialliteratur in ein literaturgeschichtliches Schema zu bringen- und solche Versuche gibt es inzwischen genug- plagen sich immer sehr mit Abgrenzungskriterien. Das ist kein Wunder, denn Trivialliteratur ist nichts anderes als Unterhaltungsliteratur der verschiedensten Sparten. Anspruchslos in Bezug auf den sachlichen Informationsgehalt und ohne Anpruch auf einen Platz im literarischen Olymp. Die Beurteilung des literarischen Wertes hängt allerdings auch sehr von der aktuellen Meinung ab. Vor allem für das Theater gilt, dass Stücke, die zu ihrer Zeit als durchaus triviale Unterhaltung angesehen wurden, in späteren Jahrhunderten den Weg in die hohe Literatur gefunden haben.
In der heutigen Medien und Unterhaltungsgesellschaft wird dem primären Anspruch der Unterhaltungsliteratur, nämlich zu unterhalten, ein sehr viel höherer Stellenwert zugemessen als früher. Genaugenommen ist das meiste, was wir heute an Bestsellern, in Kino und Fernsehen konsumieren Unterhaltung. Der aus einem früheren Verständnis der Lesekultur stammende, negativ besetzte Begriff Trivialliteratur für Unterhaltungsliteratur ist daher gar nicht mehr zeitgemäß. Mit einer Ausnahme vielleicht: Die unterste, verachtenswerte (und von vielen heimlich geliebte) Form der Unterhaltungsliteratur, der billige

Heftroman
verdient noch immer die Bezeichnung Trivialliteratur, vor allem deswegen, weil er tatsächlich und auch heute noch eindeutige
Abgrenzungskriterien zu anderen Literaturformen

aufweist, die gleichzeitig deutlich machen, warum er auf Kinder Jugendliche so anziehend wirkte und zu einer Subform der Jugendliteraturn werden konnte. Die folgenden Anmerkungen haben den abenteuerlichen Heftroman der frühen Nachkriegszeit im Auge, gelten aber im wesentlichen für die Gattung Heftroman überhaupt. Heute hat der Heftroman freilich weitgehend an Bedeutung verloren, wurde aber nahezu 1:1 durch unzählige Fernsehserien ersetzt, auf welche praktisch dieselben Kriterien zutreffen.

  • Das augenfälligste Merkmal ist natürlich das Heftformat, der vergleichsweise geringe Umfang (etwa 40 bis 80 Seiten) und ein anreißerisches Coverbild.

  • Bedingt durch den geringen Umfang, wird die Handlung von nur wenigen Akteuren getragen und ist auch von Kindern ab einem gewissen Alter leicht zu verfolgen.

  • Inhaltlich folgt der abenteuerliche Heftroman einem klaren Schema. Es ist eine eindeutige Trennlinie zwischen gut und böse gezogen. Unweigerlich siegt das Gute, nachdem der oder die Helden möglichst haarsträubende Gefahren zu bestehen hatten, und die Bösen erleiden ihre gerechte Strafe.

  • Der Nervenkitzel liegt für den Leser in den phantastischen und gefährlichen Abenteuern, welche die (guten) Helden zu bestehen haben. Darüberhinaus kann er sich aber völlig geborgen fühlen. Der Ausgang ist gewiss und es gibt keine Problemstellungen, die ihn beunruhigen könnten. Die reale Welt mit ihren Nöten, Ängsten und Konflikten ist weit weg. Es handelt sich um die ideale 'Fluchtlektüre', um die Last des Alltages vergessen zu können.

  • Der Held der Geschichte(n) dient als Identifikationsfigur für den Leser, was, begünstigt durch das Heftformat, zum Entstehen umfangreicher Serien mit immer derselben Leitfigur führt. Dabei stört es niemanden, dass kein Mensch hunderte solcher Abenteuer erleben, geschweige denn überleben könnte. Dem Leser ist schon klar, dass das, was er liest, mit der Realität nichts zu hat und er genießt ganz bewußt die immer wiederkehrende Variation eines ihn ansprechenden Themas, so wie einen Tagtraum.

  • Erzählt wird die Geschichte meist in der dritten Person, nur ganz selten vom Helden selbst in der Ich- Form. Eine beliebte Spielart besteht darin, dem Helden einen Begleiter zur Seite zu stellen, der dann (wie Dr. Watson) die Geschichte erzählt. Damit kann man geschickt die Spannung reflektieren, weil der Erzähler ebensowenig wie der Leser immer genau weiß, was läuft und er den Leser, indem er dessen Fragen vorgibt und kommentiert zur Lösung begleitet.

  • Sexuelle Themen sind in den Heftromanen der frühen Nachkriegszeit, abgesehen von unbedeutenden Randerscheinungen, die hier nicht interessieren, völlig tabu. Der Held darf zwar die Heldin lieben, ins Bett darf er aber nicht mit ihr gehen. Schon die bloße Erwähnung einer freien sexuellen Beziehung war bedenklich. Zulässig war ein abschließender Kuß, den die aus großer Gefahr gerettete Heldin dem Helden gab, sichtlich in Erwartung einer baldigen Eheschließung. Das entsprach der herrschenden, offiziellen Moralvorstellung und es war den Schreibern von Heftromanen kein Anliegen, sich dazu in Widerspruch zu setzen. Selbst die strengsten 'Jugendschützer' konnten den Heftromanen daher nur 'unterschwellige' Sexualität vorwerfen, was nach dem Verständnis der Zeit auch ein schlimmer Vorwurf war, allein schon deswegen, weil er offenbar irgendetwas mit Sexualität zu tun hatte, auch wenn man nicht genau sagen konnte was.

  • Gewaltdarstellungen, die auch nur annähernden mit dem zu vergleichen wären, was heute im Hauptabendprogramm des Fernsehens geboten wird, gab es im Allgemeinen nicht. Die frühen österreichischen Heftromane nach 1945 waren in diesem Punkt weit zurückhaltender als ihre Vorgänger in der Zwischenkriegszeit. Eine Ausnahme bildet die um 1948 erschiene Reihe "John Kill, der Sklavenjäger", die nicht nur mit einem negativen Helden arbeitet, sondern auch von Gewaltdarstellungen nur so strotzt. Diese Reihe, die völlig ausserhalb der Tradition der damaligen Heftromane lag, fand nur geringe Verbreitung und wurde nach 7 Nummern eingestellt. Ansonst wurden Kämpfe und Schießereien (unverzichtbar für Wildwest, Kriminal - und ähnliche Geschichten) meist nur mit knappen Worten umschrieben und verzichteten auf blutdrünstige Details. Der zentrale Vorwurf der 'Jugendschützer', es seien hauptsächlich diese Gewaltdarstellungen, die zu einer unmittelbaren Gefährdung der jugendlichen Psyche führen würden, ist aus heutiger Sicht nicht mehr nachvollziehbar. Man vertrat die Theorie, dass schon die etwas ausführlichere Erwähnung von Straftaten geeignet sei, Jugendliche zur Nachahmung zu verleiten und in die Kriminalität zu treiben.

  • Jeder Heftroman war eine in sich abgeschlossene Geschichte, worauf meist ausdrücklich hingewiesen wurde. Dennoch gab es Serien, in denen diese Einzelgeschichten in eine fortlaufende Rahmenhandlung eingebunden wurden, um die Spannung zusätzlich zu erhöhen.

  • Die Qualität vieler Heftromane war - es mag vielleicht überaschen, wenn ich das sage - recht gut, jedenfalls aber nicht schlechter als viele Fernsehserien heute. Die Leute suchten zwar nach billiger und einfacher Unterhaltung, aber dumm waren sie deswegen nicht und schon gar nicht wollten sie sich bei der Lektüre langweilen oder über einen allzu plumpen Stil ärgern. Serien, die diesen bescheidenen Ansprüchen nicht gerecht wurden, verschwanden daher auch sehr rasch vom Markt. Im übrigen ist bei vielen Autoren aber ein beachtliches schriftstellerischen Geschick zu bemerken, um in dem engen zur Verfügung stehenden Rahmen immer wieder einen Spannungsbogen aufzubauen. Auch stilistisch waren die meisten Produktionen in Ordnung, manche sogar recht ansprechend.

Wenn man dieser Anylse zustimmt, könnte man zu der Auffassung kommen, dass die meisten Heftromane dieser Zeit als Lektüre für Jugendliche nicht ausgesprochen ungeeignet waren und als Spannungslektüre durchaus zu tolerieren wären. Allein für diese unqualifizierte Bemerkung wäre man seinerzeit von den 'Jugendschützern' entschieden getadelt worden. Betrachten wir daher näher, was in Österreich zwischen 1945 und etwa 1960 an Heftromanen auf den Markt kam.

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