Der Kampf gegen Schmutz und Schund in Österreich nach 1945

Das Pornographiegesetz

Das Bundesgesetz vom 31. 3. 1950, BGBl 97, über die Bekämpfung unzüchtiger Veröffentlichungen und den Schutz der Jugend gegen sittliche Gefährdung, kurz 'Pornografiegesetz' oder 'Schmutz- und Schundgesetz' genannt, steht in novellierter Form auch heute noch in Geltung. In den 50er Jahren wurde es hauptsächlich zur Bekämpfung der abenteuerlichen Heftromane eingesetzt.
Artikel I dieses Gesetzes beschäftigt sich mit der Bekämpfung der Pornografie im engeren Sinn. Dieser Aspekt hatte in den 50ern nur periphäre Bedeutung und ist für unser Thema ohne Interesse. Denn damals gab es noch keine regelrechte Pornografieindustrie, so wie heute. Gelegentlich und meist schwer erhältlich wurden schmuddelige Fotos, Bücher und Magazine unter dem Ladentisch gehandelt, das war bis in die 60er Jahre aber auch schon alles.
Wie sehr das Gesetz aber als Jugendschutzbestimmung gedacht war, kann man daran erkennen, dass selbst der Verkauf eines (einzigen) pornografischen Druckwerkes von einem Erwachsenen an einen anderen, ohne irgendeine Beteiligung eines Jugendlichen dennoch als Jugendschutzssache qualifiziert wurde, und kraft Sonderzuständigkeit vor dem Gerichtshof erster Instanz und zwar von einem Jugendschöffensenat geahndet wurde. Der Übeltäter musste sich also vor einem Gerichtstyp verantworten, der sich ansonst mit straffällig gewordenen Jugendlichen beschäftigte. Der dogmatische Ansatz, wonach Jugendliche durch schädliche mediale Einflüsse in die Kriminalität getrieben werden können, ist deutlich zu erkennen. Erst seit Beginn der 90er liegt diese gerichtliche Zuständigkeit (nunmehr für Vergehen) bei den Bezirksgerichten.
Artikel II des Pornografiegesetzes bot die Handhabe gegen Schundhefte aller Art vorzugehen. Voraussetzung war dabei keineswegs, dass diese Druckwerke pornografischen Inhaltes waren; es genügte eine umfassend formulierte Jugendgefährdung. Der auch heute gültige Gesetzestext lautet:

*Verbreitungsbeschränkungen

Die Bezirksverwaltungsbehörde kann von Amts wegen oder auf Antrag einer Behörde sowie einer Person, die ein berechtigtes Interesse nachweist, für ihren Amtsbereich bestimmte Druckwerke, die geeignet sind, die sittliche, geistige oder gesundheitliche Entwicklung jugendlicher Personen, insbesondere durch Verleitung zu Gewalttaten oder zu strafbaren Handlungen aller Art, durch Reizung der Lüsternheit oder durch Irreleitung des Geschlechtstriebes, schädlich zu beeinflussen, von jeder Verbreitung an Personen unter 16 Jahren ausschließen und ihren Vertrieb durch Straßenverkauf oder Zeitungsverschleißer sowie ihr Ausstellen, Aushängen oder Anschlagen an Orten, wo sie auch Personen unter 16 Jahren zugänglich sind, überhaupt untersagen.

Wenn man diesen Gesetzestext aufmerksam liest, erkennt man sofort die Problematik. Die Gefährdungseignung war durch die Behörde festzustellen, ohne dass es dafür verbindliche Richtlinien gab. In der Praxis orientierten sich die Behörden an dem, was die selbsternannten Experten des Buchklubs der Jugend vorgaben. Denn es war hauptsächlich der Buchklub der Jugend, der seine Mitarbeiter ausschickte, um nach Schmutz und Schund zu fahnden und Anträge auf Verbreitungsbeschränkungen zu stellen. Wer hätte es gewagt, in Zweifel zu ziehen, dass die Mitarbeiter des Buchklubs zu jenen Personen gehörten, die ein berechtigtes Interesse am Schutz der Jugend hatten. Außerdem war es der erklärte Wille des Gesetzgebers, dass rigoros vorgegangen werde. Eine liberale Haltung war in dieser Frage (und sonst meist auch) unerwünscht.
Für die Heftverlage waren Verbreitungsbeschränkungen fatal, weil ihnen dadurch jede Werbemöglichkeit und die Hauptvertriebslinie über Zeitungsverschleißer und am Kiosk abgeschnitten wurde. Es wird berichtet, dass sich dadurch die Auflagen schließlich auf ein Zehntel dessen reduzierten, was vorher verkauft hatte werden können. Es war sogar bei Strafe verboten zum Zwecke der Anpreisung (Erwachsenen gegenüber!) auf eine bestehende Verbreitungsbeschränkung hinzuweisen.

* Die beiden Hefte wurden ganz bewußt ausgewählt. Ihre Titelbilder gehören zum 'Ärgsten', was damals vorgekommen ist. Solche und weit harmlosere Abbildungen waren also geeignet, die Jugend durch Reizung der Lüsternheit oder durch Irreleitung des Geschlechtstriebes schädlich zu beeinflussen. Das Heft rechts kam bereits nach Inkrafttreten des Pornographiegesetzes heraus und wurde sofort verbreitungsbeschränkt. Der Inhalt war im übrigen völlig harmlos.



Die Sache hatte ein überraschendes Nachspiel

Der Ansatz, die bloße Schilderung von Straftaten (im weitesten Sinn) sei geeignet, die sittliche und geistige Entwicklung Jugendlicher zu gefährden und könne jugendliche Nachahmungstäter in die Kriminalität treiben, war weit schwerwiegender, weil man damit willkürlich jedwede missliebige Trivialliteratur des Sektors Abenteuergeschichten erfassen konnte. Am Anfang jeder Kriminalgeschichte steht notwendigerweise eine Straftat. Wildwest-, Cowboy- und Indianergeschichten kommen nicht ohne Kämpfe und Schießereien aus; aber auch schon Schlägereien waren (unter Umständen) schwere Straftaten, wenn man sie unter dem Gesichtspunkt strafrechtlicher Tatbestände beurteilte: Alles war jugendgefährdend (außer den Büchern des Buchklubs der Jugend und der kooperierenden Verlage).

Die Produzenten der Abenteuergeschichten wandten ein, dass (ein typisches Merkmal dieser Art von Trivialliteratur) am Ende immer die Gerechtigkeit siege und die Übeltäter bestraft würden. So gesehen, hätten die Erzählungen geradezu erzieherische Effekte. Außerdem gäbe es genug Hefte, die weitgehend auf die Darstellung gewalttätiger Auseinandersetzungen verzichteten und den Leser durch phantastische Abenteuer in Spannung versetzten. Wie rasch die Behörden mit solch infamen Ausflüchten fertig waren, zeigen die folgenden

Judikaturzitate aus den Jahren 1953/54

Ein Druckwerk, dessen wesentlicher Inhalt sich in der anschaulichen und drastischen Schilderung von Gewalttaten (Bankraub und andere strafbare Handlungen ) erschöpft, ist geeignet, die sittliche und geistige Entwicklung jugendlicher Personen durch Verleitung zu Gewalttaten und strafbaren Handlungen schädlich zu beeinflussen. Daran vermag auch der Umstand nichts zu ändern, dass in der Erzählung die Obrigkeit oder das Schicksal über die Verbrecher schließlich den Sieg erringt.
Das gleiche gilt für die Schilderung nervenerregender, unwahrscheinlicher Abenteuer.

* Ganz ähnlich urteilte in Deutschland die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Bei ihrer ersten Sitzung, in der über Indizierungsanträge entschieden wurde, am 9. Juli 1954, wurden zwei

"Tarzan"-Comics indiziert. Die Begründung: Sie würden auf Jugendliche "nervenaufpeitschend und verrohend wirken" und sie "in eine unwirkliche Lügenwelt versetzen". Derartige Darstellungen seien "das Ergebnis einer entarteten Phantasie".

Entartete Phantasie: Erinnert irgendwie an entartete Kunst; nur rechnete man damals Comics noch nicht zu den Kunstformen.
Nervenerregende unwahrscheinliche Abenteuer: Ich frage mich, was man damals zu 'Harry Potter' gesagt hätte.

Man könnte glauben, die mehr als 140 Jahre früher unter Kaiser Franz I von Österreich (als Franz II letzter Kaiser des heiligen römischen Reiches deutscher Nation) erlassene Zensurvorschrift habe noch in Geltung gestanden. Die Zielrichtung und Argumentation ist jedenfalls dieselbe.

Auszug aus der
ZENSURVORSCHRIFT VOM 14. SEPTEMBER 1810
(Vorschrift für die Leitung des Censurwesens und für das Benehmen der Censoren, in Folge a. h. Entschließung vom 14. September 1810 erlaßen. )

6. Broschüren, Jugend- und Volksschriften, Unterhaltungsbücher, müßen nach der ganzen Strenge der bestehenden Censurgesetze behandelt werden. Hier muß nicht nur alles entfernt werden, was der Religion, der Sittlichkeit, der Achtung und Anhänglichkeit an das regierende Haus, die bestehende Regierungsform u. s. w. geradezu, oder mehr gedeckt entgegen ist, sondern es sind auch alle Schriften der Art zu entfernen, welche weder auf den Verstand noch auf das Herz vortheilhaft wirken, und deren einzige Tendenz ist, die Sinnlichkeit zu wiegen. Es soll daher allen Ernstes getrachtet werden, der so nachtheiligen Romanen-Lektüre ein Ende zu machen. Dabey versteht sich von selbst, daß hier jene wenigen guten Romane, welche zur Aufklärung des Verstandes und zur Veredlung des Herzens dienen, nicht gemeint seyn können, wohl aber der endlose Wust von Romanen, welche einzig um Liebeleyen als ihre ewige Achse sich drehen, oder die Einbildungskraft mit Hirngespinnsten füllen.

Die speziellen Zensurvorschriften, die sich auf "die ganze Gattung, welcher man im verächtlichen Sinne den Namen Roman beilegt" beziehen, stammen aus den Jahren 1799 und 1806. Verboten waren Ritterromane, Geister- und Gespenstergeschichten, Räuberromane und Betrügergeschichten, die "Roheit und Unglauben" erzeugen und geeignet waren, "die Köpfe mit Ideen aus der Romanwelt anzufüllen, die Einbildungskraft zu überspannen und dem Geiste eine falsche Richtung zu geben"

Aber der Gedanke, phantastische, nervenerregende Schilderungen könnten sich auf die Psyche junger Menschen schädlich auswirken ist weit älter. Platon ( 427 bis 347 v. Chr.) schlägt in seinem Dialog "Der Staat" bereits vor, die Werke der Literatur, auch die Epen des Homer einer bereinigenden 'Zensur' zu unterziehen und alle 'jugendgefährdenden' Passage zu streichen.

* Bei diesem und all derartigem werden wir den Homeros und die übrigen Dichter um Nachsicht bitten, daß sie uns nicht zürnen, wenn wir es (für junge Männer ungeeignete Passagen) durchstreichen, nicht, weil Solches etwa nicht dichterisch und nicht für die Menge vergnüglich zu hören wäre, sondern gerade je dichterischer es ist, desto weniger dürfen es Knaben und Männer hören, welche frei sein sollen...
....und vielleicht wohl mögen sie in anderer Beziehung gut sein (gemeint: schauerliche, phantastische Schilderungen in der Literatur), wir aber fürchten unsere Wächter (gemeint: Die wehrhaften Wächter des Staates, zu denen männliche Jugendliche erzogen werden sollten), sie möchten uns aus diesem Schauder in größerer Fieberhitze und mit mehr Erschlaffung, als nötig ist, hervorgehen.

Da eine gewisse Kenntnis der Schriften Platons jahrhundertelang Bestandteil jeder humanistische Ausbildung war, ist zu vermuten, dass sie den meisten Verfassern von Zensurvorschriften und einschlägigen Judikaten bekannt waren, wofür auch die ganz ähnliche Wortwahl und Argumentationslinie spricht. Nur zur Vollständigkeit sei angemerkt, dass Platons Lehrer Sokrates 399 v. in Athen zum Tode verurteilt wurde, weil er durch seine Lehren die Götter gelästert und einen verderblichen Einfluss auf die Jugend ausgeübt habe. Man sieht, Jugendschutz und Religion waren schon immer heikle Themen. Weil in der Zweiten Republik die Vorzensur abgeschafft worden war, war es für die Heftchenjäger recht anstrengend, jedes einzelne neu erschienene Heft, welches solche 'nervenerregenden' Schilderungen enthielt, zur Anzeige zu bringen. Außerdem bestand die Gefahr, dass wegen einer zögerlichen Vorgangsweise der Behörde ein Teil der Auflage doch noch unter die Leute kam. Auch hier fand man Abhilfe:

Ein Verbreitungsverbot künftig erscheinender Nummern einer Romanserie ist begründet, wenn in einem Heft eine abgeschlossene Handlung nicht vorliegt und die Ankündigung künftig erscheinender Hefte auf den gleichen Inhalt schließen lässt.

Für Heftserien, die ein Rahmenhandlung hatten bzw. mit einer Leitfigur arbeiteten, bedeutete so ein Verbot praktisch das 'Aus'.

Manche Verlage wussten sich zu helfen. Ohne das serientypische Layout eines Heftes wesentlich zu ändern, änderten sie einfach immer wieder den Serientitel und unterliefen so das generelle Serienverbot. Die beliebte Wildwestserie 'Kansas Kidd' beispielsweise nahm so rasch hintereinander folgende Namen an: 'Kansas Erzählungen', 'Kansas Collection', Kansas Reportagen', 'Kansas Geschichten', 'Kansas Berichte' und 'Kansas Story'.
Die Behörden reagierten darauf damit, dass teilweise überhaupt alle Serien eines Verlages von vornherein verbreitungsbeschränkt wurden, wenn in der Bezeichnung bestimmt Schlüsselworte wie zB. 'Western' vorkamen. 'Der Kapuzenmann' oder 'El Coyote', um andere Beispiele zu nennen, verzichteten in ihren letzten Nummern überhaupt auf ihre serientypische Bezeichnung, verbargen sich hinter unverdächtigen Reihentiteln wie 'Condor' und 'Colibri' und ließen nur durch die Coverbilder ihren Inhalt ahnen.

Auf die Dauer konnten die österreichischen Romanheftproduzenten diesem Druck aber nicht standhalten. In der zweiten Hälfte der 50er Jahre war von zahlenmäßig nicht mehr bedeuteten Ausnahmen abgesehen, die Produktion des abenteuerlichen Heftromanes in Österreich zum Erliegen gekommen. Aber was hat es wirklich gebracht?

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